Wendepunkte
Generation Mauerbau
02. November 2025 — 08. Februar 2026
Museum Villa Rot, 88483 Burgrieden
Artists: Tina Bara, Birgit Brenner, Mahmoud Dabdoub, Wolfgang Folmer, Bettina van Haaren, Jörg Herold, Monika Huber, Klaus Killisch, Bruno Nagel, Ina Rommee + Stefan Krauss, curated by Sabine Heilig. A catalogue is available. Flyer pdf.
Klaus Killisch (geboren 1959 in Wurzen) studierte von 1981 bis 1986 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee zuerst Formgestaltung, dann Malerei. Killisch erinnert sich an seine Studienzeit als einen wichtigen Weg sehen zu lernen und sich grundlegende Techniken einer Malerei anzueignen, die den expressiven Formenkanon weiterentwickelte. In der kirchlichen Friedensbewegung engagiert, eckte er immer wieder an, wurde aber dennoch nach Abschluss des Studiums in den Verband Bildender Künstler der DDR aufgenommen.
In dem Ölbild Im Glaskasten aus dem Abschlussjahr 1986 sind dunkle Gestalten in einem hellen, nach vorne halb offenen, gläsernen Kubus wie gefangen. Die zentrale Figur bläst eine große Rauchwolke aus, die sich hinter der Scheibe zu einer violetten Blase ausdehnt, dort aber nicht weiterkommt. In der Zeichnung Raucher von 1987 ist die Figur in einer ähnlichen Raumsituation zu sehen, in hartem Schwarz-Weiß-Kontrast. Beide Arbeiten thematisieren Einengung ebenso wie Exponiertheit, auf politisch wohl gerade noch unverfängliche und tragbare Weise. Wie Killisch in einem Gespräch mit Ulrike Kremeier 2014 äußerte, spiegeln die meisten seiner Figuren jener Zeit das eigene Lebensgefühl und sind in der Körperhaltung wie in der Wucht des Ausdrucks Selbstbildnisse.
Deutlicher wird Killisch in seinen Mauerbildern, die er in der DDR nicht öffentlich zeigen konnte. Da er auf seinem Weg ins Atelier täglich an der Mauer vorbeikam, war sie für ihn allgegenwärtig und wurde heikler Bestandteil seiner düsteren Bilder. In dem Werk Mauerspringer (1987) lässt er einen Mann, wohl wieder ein Alter Ego, den Kopf eingezogen und die Hände gefaltet, des Nachts einen riesigen Schritt über irgendeine Mauer tun, die kaum zu erkennen ist: Nur Angst, Verzweiflung und Entschlossenheit sind hier zum Ausdruck gebracht. Die Mauerbilder, so formulierte es Paul Kaiser 2019, „zielten direkt in die Magengrube des Systems, weil sie dem subkulturellen Lebensgefühl einen starken Ausdruck und zugleich eine international verständliche Symbolik verliehen.”
Nicht weniger aufwühlend wirkt die Serie der Mondgesichter, zu der das große Bild Mondsüchtiger (1987) aus der Sammlung Siegfried Seiz in Reutlingen gehört, eines der Hauptwerke der farbintensiven, neoexpressionistischen Malerei von Klaus Killisch. Einen gewaltigen Schrei in die Nacht hinaus meint man zu hören, den der muskulöse männliche Akt ausstößt. Kraft und Entschlossenheit stecken dahinter, Wut und Schmerz, während der rote Mond am Sternenhimmel ungerührt leuchtet. Killischs Malerei figuriert nicht politische Stellungnahmen, sondern innere Notwendigkeiten.
Ein zweites Ventil für die komplexe Innen- und Außenwelt fand Killisch in der Musik. Viele Arbeiten entstanden in enger Verbindung zur Musik der Zeit aus Ost und West. In seinem Atelier lief ständig Musik, „ein lärmender Protest gegen die Erstarrung” meint Ingeborg Ruthe 2023 in der Frankfurter Rundschau. Nick Cave & the Bad Seeds sowie Einstürzende Neubauten gehörten zum ständigen Repertoire. Deren Songtitel trafen den Nerv von Killischs Malerei. Tiefste Gefühle und Verletzungen werden in dem Blatt Seele brennt sichtbar: ein Männerkopf, in sich schauend, von blitzartigem Liniengewirr heftig attackiert. Klaus Killisch fühlte sich, bei allem Druck von außen, in seiner Malerei immer unabhängig vom System. Er malte das, was ihm wichtig war, was sein Lebensgefühl ihm vorgab, auch wenn einige Arbeiten damals nur in der Galerie von Gerd Harry Lybke gezeigt werden konnten. “Es war der reizvolle Flirt mit dem latent Apokalyptischen, das sich in eine Bildsprache, in die Musik, die Kleidung und den Alltag eingeschrieben hatte”, so beschreibt Killisch 2014 die Zeit vor der Wende.
Nach Öffnung der Mauer, nach der ersten Euphorie mit Kontakten und Reisen ins westliche Ausland, setzte für Killisch die Suche nach neuen Inspirationen und Themen in der Malerei ein. Anfang der 2000er-Jahre experimentierte er mit Elementen der amerikanischen Pop-Art, die er u.a. aus Originalen kannte, welche die Sammlung Ludwig aus Aachen bereits Ende der 1970er-Jahre nach Ost-Berlin gebracht hatte: mit Collagetechniken, Rasterbildern, flächiger Malerei und knalligen Farben. Vom Musikmilieu inspiriert, integrierte er Plattencover und Vinylplatten in seine Bildkompositionen, als Zeichen einer Subkultur. Der amerikanische Straßenkreuzer, ebenfalls aus dem Motivrepertoire der Pop-Art, und das westliche Auto wurden – und werden vielfach noch immer – als Statussymbol, als „Sinnbild für Fortschritt, Technikgläubigkeit und kapitalistische Freiheitsversprechen” (Killisch) verstanden. In dem Bild Das Ende des 20. Jahrhunderts, angeregt durch zwei lkonen der deutschen Malerei, Caspar David Friedrichs Gemälde Das Eismeer und Joseph Beuys’ gleichnamige Installation – beide markieren für den Künstler eine politische wie künstlerische Zäsur -, setzt sich Killisch kritisch mit dem Fortschritts-Mythos auseinander. Er porträtiert ein ausgebranntes Autowrack, massiv wie ein erlegtes Raubtier, dabei zahnlos, und doch malerisch kraftvoll und bestimmt: Ausdruck vom Scheitern romantischer Sehnsucht. Killisch schreibt 2025 weiter: „Gleichzeitig sind meine eigenen Erfahrungen eingeflossen: die friedliche Revolution 1989, das Lebensgefühl der frühen 90er Jahre in Berlin, das Aufbrechen alter Systeme – aber auch die langsam verblassende Utopie, die dieser Zeit innewohnte. Das Bild steht damit für einen Endpunkt, aber auch für die Ambivalenz von Aufbruch und Verlust”.
Dr. Renate Miller-Gruber













